Erich Konzerte Musik Photos Presse Freunde
         
       
 

 

weil sie die Gitarre durch eine Orgel ersetzt haben. Und wer den Namen DOORS in den Mund nimmt, kriegt von Andreas höchstpersönlich eine gepfeffert (Kommentar: 'Die DOORS hatten eine ganz andere Orgel als wir, wir haben so'ne Orgel wie DEEP PURPLE'). Die SHARON TATE'S CHILDREN waren an dem Abend in Mainz zusammen mit CARLOF und BECK SESSION GROUP die absoluten Gewinner, was Musik und Ausdruck auf der Bühne angeht. Dummerweise haben sie als erste gespielt, denn danach war für die anderen Bands das Knallgas ziemlich raus. Als die SHARON TATE'S CHILDREN auf die Bühne kamen, haben hinter mir noch ein paar Punks gelästert von wegen 'Jow, Mann, Kommune und so; wollen mir mal ausdiskutieren, wa', aber spätestens nach dem ersten Stück passierte das, wozu die BRAVO sagen würde: 'da ging der Punk ab'. Man glaubt es nicht und man kann es sich auch nicht vorstellen, wenn man noch kein Konzert von ihnen gesehen hat, denn zugegeben, eine Band, bei der die Orgel die Gitarre ersetzt ... nun, das hört sich schon nach einem schrulligen Haufen an. Doch der voreingenommene Hörer soll sich wundern: hier herrscht eine Intensität, die ich bei sehr vielen sogenannten 'harten' Bands vermisse (und die ich auch beim Live-Konzert von HAMMERHEAD B.T. vermisst habe), eine Musik, die sich dir im Nacken festkrallt, um so mehr, weil sie in dieser Mischung ungewohnt ist. Hier gibt es Ausbrüche, die (hallo Andreas, bitte jetzt zwei Zeilen überspringen) FUGAZI und ROLLINS sehr nahe kommen, aber die immer soft zusammengehalten werden von einem sehr lockeren Groove, einem Gespür für vibrierende Zwischentöne, das man vom US-Core nicht kennnt.
Sänger Andreas nennt das 'deutsche Indentität', ein Stichwort, das im Interview immer wieder vorkommt. SHARON TATE'S CHILDREN heben sich ab vom Einheitsbrei deutscher Bands, die klingen wollen wie CRO MAGS, HÜSKER DÜ, DINOSAUER oder sonst ein amerikanischer Überheld; die über keinerlei Selbstbewusßtsein verfügen, sondern nur kopieren, um damit in ihrem Kaff als die Knirps-Ausführung der großen Yankees gefeiert zu werden. Bands dieser Machart sind die Tagesordnung. Pro ZAP-Ausgabe werden bis zu dreißig davon besprochen. Daß wir sie nicht niedermachen, sondern ihre Musik mehr oder weniger wohlwollend besprechen, liegt (zumindest für meinen Teil) daran, daß viele davon für sich genommen ja auch wirklich hörbar sind. Wollte man die Musik allerdings auf Ehrlichkeit und Originalität abklopfen oder sich fragen, was das mit deutscher Rockgeschichte zu tun hat, würde die Beurteilung ziemlich schwarz aussehen. Anders gesagt: Es gibt vielleicht gerade mal eine Handvoll deutscher Hardcore-Bands derzeit, denen man bescheinigen könnte, daß sie keine Nachäffer des Großen Bruders sind. SHARON TATE'S CHILDREN gehören dazu.
Es gab nur zwei revolutionäre Bewegungen in der deutschen Rockmusik. Das war einmal Krautrock in den 70ern, CAN, AMON DÜÜL, CLUSTER und KRAFTWERK, zehn Jahre später dann die Neue Deutsche Welle und der Deutschpunk. Dazwischen und danach nur Abklatsch, der sich am populären Ausland orientiert hat. SHARON TATE'S CHILDREN beziehen sich auf diese beiden Phasen, in denen Deutschland eine eigene Musiksprache entwickelt hat. Aber sie tun es nicht, indem sie wehmütig zurückblicken und Vergangenes zusammenpuzzeln, sondern indem sie aus dem Alten Schlüße für die Musik heute gezogen haben und damit ihre eigene Art von Hardcore entwickeln. Ihr lest hier gleich das beste und wichtigste Interview, das ich je mit deutschen Musikern geführt habe (nein, kein Eigenlob, der Dank geht an Andreas, der übrigens erwähnt haben will, daß er nicht mal Abitur hat und das auch nicht für nötig hält) und von dem ich mir wünsche, daß es viele Musiker lesen. Also merk's euch: demnächst will ich keine Demos mehr von BLACK FLAG aus Bad Schwartau und NOMEANSNO aus Oberhesselbach sehen. Create your own world.

ZAP: Du hattest am Telefon davon geredet, daß eine deutsche Band auch eine 'deutsche Indetität' in ihrer Musik haben müßte. Was meinst Du damit genau?

ANDREAS: Ich denke, ich benutze den Begriff ganz sicher öffters als andere deutsche Bands. Ich gehe die Musik wahrscheinlich anders an als viele andere Bands, bei mir ist sehr vieles durchdacht, nicht so aus dem Bauch heraus. Aber was ich am Telefon eigentlich gesagt habe: bei Musik geht es doch darum, daß sie authentisch ist, also ehrlich. Authentisch ist halt ein blödes Fremdwort, aber authentisch trifft die Sache wohl am besten. Musik kann nur dann authentisch und echt sein, wenn sie identisch ist mit demjenigen, der sie macht. Wenn eine deutsche Band nur amerikanische Bands imitiert, dann ist die Musik auch nicht identisch mit dem Leben der Leute. Deswegen überlege ich mir: woher komme ich? Was will ich erreichen? Und ich kann diese Fragen nur beantworten, indem ich mit meiner Musik auch all die Lebensumstände berücksichtige, die hier in Deutschland herrschen und die Kultur betrachte, die wir hier haben. Das geht dann automatusch zurück auf deutsche Rockmusik, beispielsweise CAN, eine der grandiosesten Bands die ich kenne.

ZAP: Aber Ehrlichkeit ist doch mehr etwas Persönliches. Du redest von einer deutschen Identität, aber nicht von einer persönlichen.

ANDREAS: Ich bin nun mal Angehöriger dieses Landes. Ich beziehe mich ja nicht auf die Krautrock-Sachen, weil ich sie pausenlos höre. Ich höre sie halt nur anders. Wenn ich TRIO höre, dann hat das mehr mit mir zu tun, als wenn ich BLACK FLAG höre. Ich finde BLACK FLAG auch super, bei denen kommt auch ein bestimmtes Lebensgefühl rüber, aber das ist das Lebensgefühl von Kalifornien und nicht das Lebensgefühl hier. Man muß den Unterschied machen zwischen dem, was einen beeinflußt und dem was man selber ist. Ich höre zum Beispiel viel Soul-Musik, aber deswegen würden wir nie eine Soul-Band sein; Soul beeinflußt mich nur, aber nicht mehr, denn diese Musik ist eine andere Wlt als meine. Unsere Welt ist eben Hardcore, nicht als eine Hardcore-Band, die typische Hardcore-Musik macht, aber es ist doch das Fundament von allem was wir machen.

ZAP: Du hattest auch am Telefon von einer Ignoranz im Hardcore-Publikum gesprochen, zum Beispiel gegenüber Bands wie CAN.

ANDREAS: Ignoranz ist ein falsches Wort, weil die Leute diese Musik meistens gar nicht kennen. Beim Hardcore-Publikum kann man eher inzwischen damit anfangen, daß die Leute sich mehr damit beschäftigen könnten, was für eine englische Hardcore-Geschichte lange vor der amerikanischen vorhanden war die auch wichtige Inhalte hatte, CRASS und CONFLICT zum Beispiel.

ZAP: Die Orgel hat euch ja auch Schwierigkeiten gebracht. Anfangs hat man euch ja dadurch ziemlich schräg angeschaut.

MEIK: Das war vor meiner Zeit. Seitdem ich dabei bin, ist das eigentlich eher ein Bonus, also so 'ne Art Exoten-Bonus.

ANDREAS: Am Anfang war es halt eher umgekehrt, eher so ein 'Würg' im Publikum. Die Leute haben den Erich vor den Konzerten ausgelacht, das kam auch vor, und danach sind sie dann zu ihm gekommen und haben ihm die Hand geschüttelt.

ZAP: Das liegt wahrscheinlich an diesem alten Hippie-Haß, der noch aus dem Punk kommt. Mit einer Orgel verbindet halt jeder im ersten Moment einen Haufen Hippies.

ANDREAS: Also ich denke, da muß man Unterschiede machen. In den Sechzigern gab es wahnsinnig viel aufregende Musik, die auch dieselben Ideen vertreten hat wie Hardcore. Das würde ich nicht gleich mit Hippies gleichsetzen, denn einen gesunden Hippie-Haß habe ich selber. Aber eigendlich richtet sich der Haß nicht so sehr gegen die Hippies, das ist ein falsches Wort, die Hardcore-Szene hört ja heute auch wieder so Sachen wie NEIL YOUNG, sondern eigentlich geht es um die Ökos. Da ist ja auch etwas ganz spezifisch Deutsches, die waren so ähnlich wie die Hippies, bloß ohne das Genußorientierte. Diese Teetrinker und Birkenstock-Leute, die sind ja auch wirklich furchtbar. Auf die Musik darf man das nicht übertragen. Zu jeder Zeit gab es gute Musik und politisch korrekte Musiker, zu denen auch NEIL YOUNG gehört hat. Wenn aber heute eine Band hingeht und Hippie-Musik macht, dann finde ich das daneben. Ich habe zum Beispiel SINK live gesehen, die totlangweiligen Folk-Rock gespielt haben. Das war so langweilig, so unecht - das war so eine typische Retro-Scheiße. Ich kann es auch nicht leiden, wenn mir einer sagt 'wir sind eine 60er-Band'. Wenn GREATFUL DEAD heute noch Hippie-Musik machen, dann ist das in Ordnung, weil sie die Musik schon immer gemacht haben und weil es ihrem Lebensgefühl entspricht. Aber wenn das eine junge Band macht, klingt das eben nur aufgesetzt.

ZAP: Ihr seid also sozusagen eine Band der Neunziger. Macht sich das irgendwo bemerkbar?

ANDREAS: Ja, indem wir uns mit neuer Musik auseinandersetzen und davon auch beeinflußen lassen. Zum Beispiel hören Erik und Karen im Moment viel Techno. Das ist ja nicht so, daß wir daher auf einmal Techno-Musik machen, aber es ist einfach wichtig, sich mit Sachen auseinanderzusetzen, sie nicht zu ignorieren.

MEIK: Ich sehe das ein wenig anders. Es gibt so viel Musik, von der man sich beeinflussen läßt, aber am Ende bleibt ja doch nur das übrig, was dir gefällt.

ANDREAS: Ausseinandersetzen heißt ja auch nicht, daß man es aufnehmen muß. Ich mag Techno eigentlich, höre mir das intensiv an, aber merke dabei genau, das Techno keine Live-Musik ist. Und daraus stellt sich die Frage: was können wir also, was kann eine Rockband im Gegensatz zu Techno und warum ist Rockmusik trotzdem noch sinnvoll? Also eine Art negative Beeinflussung. Es wäre ja auch Blödsinn, sich aus aller Musik, die einem gefällt, etwas rauszugreifen und zu verwerten. Vieles ist ja eine Frage der Beliebigkeit. Die späten Achziger waren ja davon geprägt, daß in der Musik immer mehr verschmolzen ist. Beispielsweise dieses meiner Meinung nach furchtbare Funk-Metal-Ding. Das Problem an diesem Crossover ist ja, daß sich diese Leute nicht überlegen was sie da machen. Die Leute, die Funk-Metal machen, hören ja gar keinen Funk, sondern die hören einen Slap-Bass und finden den geil. Aber sie haben die Idee von Funk nicht verstanden. Genauso wie vor fünf Jahren jede Metal-Band gesagt hat: 'Also unsere Haupteinflüsse sind LED ZEPPELIN', ohne das sie davon etwas verstanden haben.

ZAP: Und heute haben BLACK SABBATH Saison...

ANDREAS: Wobei, bei den BLACK SABBATH - Bands, die das nachmachen, kann man schon sagen, daß die die Idee verstanden haben. Jemand wie SAINT VITUS lebt das ja auch bis zum Exzeß.

ZAP: Kommen wir zurück zum Thema Hardcore: musikalisch ist das ja inzwischen nur noch schwer einzugrenzen und wahrscheinlich ist das auch gut so. Aber ihr fühlt euch ja dennoch als Teil von Hardcore. Ihr lehnt zum Beispiel Interviews mit Stadtmagazinen oder dem SPEX ab.

ANDREAS: Hardcore ist schon die Art , wie wir an die Musik rangehen. Aber natürlich ist Hardcore auch so ein blödes Edikett. Was ich sagen will: für mich sind die TOTEN HOSEN kein Punk und SICK OF IT ALL kein Hardcore. Das macht sich nicht an musikalischen Sachen bemerkbar, sondern daran, wie sie mit der Sache umgehen. Für mich ist da UNIVERSAL CONGRESS OF mehr Hardcore. Wir haben für uns entschieden, in der Hardcore-Szene etwas zu machen, weil das Großartige an Hardcore immer die Offenheit gewesen ist. Also nicht Beliebigkeit sondern Offenheit. Alles war irgendwie erlaubt, so wie das bei Punk am Anfang auch mal war. Als Hardcore aufkam, war das für mich schon das Deffinitive, es war wie Punk ohne Syff. (He, wie schreibt man das Wort? d.V.). Es war wie Punk, ohne daß andauernd besoffene Leichen in der Ecke rumgelegen haben. Inzwischen wird es halt schon wieder ideologisch geführt - Hardcore ist zum Modeedikett geworden. Inzwischen sagt man ja zu jeder blöden Rockband: 'da sind leichte Core-Einflüße drin', der Dreck halt. Auf das kann ich im Endeffekt scheißen. Auf das Wort Hardcore kann ich auch verzichten. Aber wir beziehen uns auf die Szene, wir werben bei ZAP und im TRUST und das ist eine ganz bewußte Entscheidung, denn sicher würde unsere Musik auch einigen Leuten gefallen, die den MUSIC EXPRESS lesen, wenn wir darin werben würden. Obwohl die wohl inzwischen keine Single mehr kaufen würden, weil die nur noch einen CD-Spieler haben. Wir sind auch alle Autodidakten. Jeder hat sich sein Instrument von Anfang an selber beigebracht, was für mich auch zum Hardcore gehört.

ZAP: Aber du hast UNIVERSAL CONGRESS OF Hardcore genannt, obwohl das excellente Jazzmusiker sind.

ANDREAS: Aber das waren sie auch nicht von Anfang an, die sind ja schon ewig lange als Musiker tätig, schau dir nur mal SACCHARINE TRUST an.

MEIK: Also mir ist das spielerische Können schon sehr wichtig.

ANDREAS: Soweit ist man heute ja schon im Hardcore, einzusehen, das das wichtig ist, denn umso vielfältiger kann man sein. Aber - und das ist dann wieder das Punk-Element - wir würden eine einfache Lösung einer komplizierten immer vorziehen, wenn sie besser paßt. Also wir wollen kein Virtuosentum.

MEIK: Das ist mir auch wichtig, gerade als Schlagzeuger. Viele Bands sind dadurch verhundst, daß meinetwegen technisch geniale Musiker mitspielen, aber jeder im Endeffekt sich selber spielt und keine Einheit entsteht.

ZAP: Daran, daß Hardcore nicht mehr nur das 1,2,3-Schema ist, haben Bands wie NOMEANSNO und FUGAZI sicher mitgewirkt. Gönnt ihr ihnen den Erfolg und glaubt ihr, daß er etwas bewirkt hat?

ANDREAS: NOMEANSNO sind eine super Band, aber mit dem Ergebnis, daß es haufenweise Bands gibt, die NOMEANSNO nachmachen und ganz schön elend sind. Da fängt es nämlich an: die Nachmacher sind Bands, die tausend komplizierte Riffe aneinanderhängen, ohne Groove zu haben, ohne Sinn für das Einfache. Die Kraft die in einfachen Liedern steckt, sollte man einfach nicht unterschätzen. Eine Band, die gerade anfängt und noch nicht so gut spielen kann, sollte ja nicht NOMEANSNO nacheifern, sondern vor allem sie selber sein. Das ist genauso wie mit den Coverversionen: wir spielen keine Coverversionen, wenn dann mal zum Spaß, denn Coverversionen sind nichts Eigenes, kommen nicht aus dir selber. Inzwischen scheint es ja wichtiger zu sein für den Ruf einer Band oder eines Konzertes, was die Leute für Coverversionen bringen, als was sie selber machen.

MEIK: Was die Stärke an unserer Band ist, denke ich, daß wir Dynamik in den Liedern haben.

ANDREAS: Ich denke immer, daß das Bewustsein wichtiger ist als das musikalische Können. Wenn du schlecht spielst, kannst du gute und schlechte Musik machen und wenn du sehr gut spielst, kannst du auch gute und schlechte Musik machen. Es hat also damit überhaupt nichts zu tun.

ZAP: Noch etwas am Abschluß?

ANDREAS: Ja genau: wir haben zusammen mit 'nem Konzertveranstalter das Label 42 Records gegründet, damit wir die Kontrolle über alles haben. Auf dem Label sind unter anderem SOULCHARGE, da kannst du jetzt 'DANKE an SOULCHARGE' bitte in Klammern schreiben, der HARRY COLTELLO und SWAY SKID. Damit sind wir wieder bei dem Wort Hardcore: uns ist die Kontrolle wichtiger als der Erfolg. Obwohl einen deswegen inzwischen auch einige Leute schon wieder auslachen.

.

zurück im Text ...