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zugesagt.
Als ich einige Tage später während eines Telephonats mit meinem Spezl Ditterich von Euler–Donnersperg das Vorhaben erwähne, fällt dieser mir unvermittel ins Wort: ich fahre mit – kann russisch. Auf digitalem Wege informiere ich hierüber die Veranstalter und bitte noch um die Vermittlung weiterer Auftritte – damit sich’s lohnt. Und tatsächlich, etwa 2 Wochen vor unserer Abreise aus Berlin, werden uns zwei weitere Termine für Gastspiele mitgeteilt. Am 5. Dez. im Club `LUK´ in Yekaterinburg, dem ehemaligen Sverdlovsk und am 8. Dez. im Club `Projekt OGI´ in Moskau.
Jetzt fehlen uns nur noch die Visa für die russische Föderation, selbige können wir aber erst beantragen, wenn die offiziellen Einladungen aus Izhevsk in der Russischen Botschaft in Berlin vorliegen. Endlich, einen Tag vor unserer geplanten Abreise, ist dies der Fall. Nach dem Ausfüllen der Anträge und der Zusage die Visa morgen abholen zu können, stellen wir fest, daß unser Zug durch Weißrußland fahren wird, ein Visum hierfür auf die Schnelle aber nicht zu bekommen ist. Dafür aber ein Flug nach Moskau. Unsere Veranstalter sind mit der veränderten Lage einverstanden. Und so starten wir, am 29. Nov., von Berlin–Schönefeld aus durch.
Nicht zuletzt, bedingt durch die Zeitverschiebung, erreichen wir Moskau kurz vor Mitternacht. Anton, einer der Veranstalter, holt uns vom Flughafen ab und geleitet uns ins Stadtzentrum. Schnell noch einige Biere gekauft und ab ins Studentenwohnheim, wo wir nächtigen werden. Bis auf die ballsaalgleichen Stationen und einen typischen Gemischtwaren-Spätkauf, waren unsere Eindrücke des ersten Tages in der Fremde überschaubar.
Am nächsten Morgen, Frühstück im Studenten-Cafe, dann Touristenprogramm: Roter Platz, Kreml, Kaufhaus Gum. Gegen Nachmittag finden wir uns am Bahnhof Komsomolskaja ein, von wo die Züge Richtung Osten fahren. In bester Stimmung und Tüten voller Proviant treten wir die 22 stündige Reise an. Entgegen meinen Befürchtungen ein Klacks. Komfortables Reisen in gut beheizten Abteilen – nur in den Raucherecken zwischen den Waggons herrscht eisige Kälte. Was allerdings nur für uns ein Problem darstellt. Wir müssen uns jedes mal diverse Pullover und Jacken überstreifen, um beim Rauchen nicht gar so sehr zu zittern, ganz im Gegensatz zum Rußen an sich, welcher Badeschlappen, Trainingshose und T-Shirt bevorzugt. Und, um dem Ganzen noch eins drauf zu setzen, dabei gerne ein eisgekühltes Bier in Händen hält. Wir jedoch bevorzugen das überheizte Abteil und lassen uns vom gleichmäßigen Rattern des Zuges in den Schlaf lullen.
Am nächsten Morgen, dann der erste Blick aus dem Fenster bei Tageslicht und was der aufgehende Vollmond in Moskau schon erahnen ließ, wunderbares Wetter. Die Sonne macht den, die Taiga bedeckenden Schnee glitzern. Gestern noch wolkenverhangener Himmel und abgasgeschwängerte Luft in der Metropole, säumen nun Birkenwälder, unterbrochen von kleinen Ansiedlungen, unseren Weg. Das Wolfsgeheul und das Gebrüll der Bären ist verstummt. Eine friedlich Landschaft zieht an uns vorüber.Gegen 14 Uhr Ortszeit erreichen wir Izhevsk. Ein kleines Empfangskomitee erwartet uns bereits am Bahnsteig. Dieses geleitet uns zum, mit laufenden Motor wartenden, Kleinbus. Wir umfahren die Stadt, um zu unserem Quartier zu gelangen. Eine Art Feriendorf in einem Izhevsk vorgelagertem Wäldchen. Wir werden zu unseren Zimmern geleitet, haben gerade mal Zeit unsere Koffer abzustellen, da geht es auch schon weiter. Rein in den Minibus und schnurstracks geht’s zum Casino, dem Veranstaltungsort. Im Erdgeschoß des Gebäudes befindet sich ein Restaurant, im ersten Stock die Spielbank.
Das Festival findet im, ab 23 Uhr leergeräumten, Restaurant statt. Die Bühne ist allerdings jetzt schon mir Verstärkern bestückt, das heißt, ein Soundcheck möglich. Nach einem Abendessen auf die Schnelle hechten wir wieder in den Minibus und ab geht’s zur Pressekonferenz. Diese findet im städtischen Kulturzentrum statt. Und zwar im Kalaschnikov-Gedächtnis-Raum.
Dem berühmtesten Sohn der Stadt wurde hier ein Denkmal gesetzt. Ausgestellt sind sein ehemaliges Wohnzimmer, Dankesschreiben aus aller Welt und natürlich jede Menge Knarren. Wir betreten den Raum, in Erwartung eine Hand voll Journalisten anzutreffen – weit gefehlt. Die etwa 30 Stühle waren gänzlich mit Interessierten besetzt. Weitere 30 Personen mußten sich mit Stehplätzen begnügen. Wir, daß heißt, Sascha und Anton (die Organisatoren des Festivals), sowie Sergej (DJ aus Moskau, Sergej (Musiker aus Izhevsk), Frau Soundso (Kulturreferentin der Stadt) und wir, nahmen hinter 2 kleinen Tischen auf einem uns vorbehaltenen Stuhlhalbkreis Platz. Aug in Aug mit dem anwesenden Publikum, 3 Fernsehkameras und diversen Fotoapparaten.
Die Pressekonferenz beginnt. Binnen Sekunden werden 10 aufnahmebereite Walkmen vor uns darnieder gelegt. Die Nervosität unsererseits steigt. Ditterich von Euler-Donnersperg wird als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Hamburg vorgestellt – wohlwollender Applaus. Sascha und Anton erzählen über das Zustandekommen des Festivals, dann prasseln verschiedenste Fragen auf uns hernieder, welche wir in hervorragender Weise parieren.
Unvermittelt öffnet sich die Tür. Der Vizebürgermeister von Izhevsk betritt den Raum. Eine kurze, beschwichtigende, staatsmännische Geste seinerseits, läßt die durch sein Erscheinen aufgekommene Unruhe wieder abebben. Er wartet kurz, um dann eine Rede in seiner Funktion als Schirmherr des Festivals, zu halten...daß er sich freue, daß Veranstaltungen wie diese die Jugend von Alkohol, Drogen und Straße fernhalte usw. Dieser Kernsatz veranlaßt Ditterich von Euler-Donnerperg sich von seinem Stuhl zu erheben und dem Redner aufs herzlichste zu danken, tief bewegt von den immens wichtigen Aussagen des Funktionärs.
Doch die Zeit drängt. Vor dem Beginn des heutigen Konzerts steht noch ein Interview bei Radio Izhevsk auf dem Programm. Wir sind etwas zu früh und man hält uns mit Kaffee und Kognak bei Laune. Dann geht es zurück zum Club. Um etwa 24 Uhr geht es los. Zu Beginn spielt eine lokale Band. Der Saal ist nur zu etwa einem Viertel gefüllt, aber 20$ Abendkasse sind für russische Verhältnisse natürlich auch kein Pappenstiel. Nichtsdestotrotz ist die Stimmung gut und nach dem auch ich noch mein Programm zum Besten gegeben habe, legt DJ Sergej auf und es wird getanzt bis in die Puppen.
Auch der folgende Tag lässt uns wenig Zeit auszuruhen. Kurz nach dem Erwachen dringt uns auch schon das vertraute brummeln des wartenden Minibus ins Ohr. Wir treten vors Haus und stellen fest – es ist merklich kühler geworden. Das Thermometer steht bei –20 Grad und wir huschen ins Wageninnere.
Zunächst wird das Casino angepeilt, dort eine warme Mahlzeit eingenommen und flux geht’s weiter ins Kulturzentrum. Auf 18 Uhr ist Ditterichs Konzert im Kalaschnikov-Gedaechtnisraum (Kalaschnikov, der wichtigste Vertreter der russischen Aufklärung) anberaumt. Wieder drängt die Zeit, sowohl beim Aufbau der von Ditterich benötigten Geraetschaften, als auch bei dessen Darbietung.
Bevor dann um 23 Uhr das Festival im Casino seine Fortsetzung findet, wartet auf mich noch ein Auftritt in einer Schule. Hört sich an wie eine Art Vortrag bzw. Einführung wißbegieriger junger Menschen in die geheimnisvolle Welt der elektronischen Musik. So dachte ich zumindest. Jedoch weit gefehlt. Der Minibus haelt zwar vor einem schulartigen Gebäude und überall wuseln Teenager durch die Gegend, aber eine grosse Anzahl, in Tarnanzüge gekleidete Türsteher lassen mich stutzig werden. Veranstalter und Freunde geleiten mich durch div. Türen und plötzlich stehen wir auf einer Bühne, in deren Mitte, hinter 2 Plattenspielern stehend, ein DJ sein bestes gibt. Am Bühnenrand mühen sich eine Vortänzerin und ein Vortänzer, beide leicht bekleidet und im zarten Alter; ungefaehr 15-16, redlich. Vor der Bühne, in einem mit diffusem Licht beleuchteten Saal, eine Menge ausser Rand und Band geratener Jugendlicher. Anton kündigt mich an, nachdem ich mein Keyboard im Mischer des DJs eingestöpselt habe. Was dann folgt lässt sich nur schwerlich beschreiben. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen (Wittgenstein).
Zu guter letzt packt mich eine kräftige Hand am Arm und zerrt mich in den...ja richtig, Minibus.
Zurueck zum Casino wo’s auch gleich losgeht mit lokalen Bands sowie den Spaniern (La Moncha Enana).
Danach dann wieder Tanz. Der Sonntag verläuft etwas ruhiger, obwohl noch ein weiterer, ausserplanmässiger Auftritt auf dem Programm steht, ansonsten keine weiteren Termine.
Am Montag ist dann noch ein offizieller Empfang für die ausländischen Musiker im Rathaus zu bewältigen und zur Belohnung gibt’s nen Stempel in unsere Visa, Pralinen und Tee.
Jetzt muss noch Proviant eingekauft werden, abends fährt unser Zug nach Yekaterinburg, weitere 700 km in Richtung Osten. Diesmal vergessen wir nicht Wodka einzukaufen, der soll uns im Zug eine Mütze Schlaf ermöglichen, was dann auch letztendlich funktioniert. Läppische 10 Stunden liegen vor uns. Der Zielort liegt in Asien, jenseits des Ural und ein weiteres Mal muss die Uhr vorgestellt werden.
Im Morgengrauen erreichen wir Yekaterinburg. Das Bahnhofsgelände erstreckt sich über Kilometer. Scheint ein wichtiger Knotenpunkt zu sein. Denis, der Betreiber des LUK-Clubs, in welchem wir morgen spielen werden, holt uns vom Bahnhof ab. Es ist bitter kalt. Die Haare in den Achselhöhlen sind steifgefroren und klingeln wie russische Kirchenglöcklein. Wir fahren zu Denis nach Hause und ruhen erstmal aus. Der Rest des Tages verläuft geruhsam – Abends hängen wir in Club ab. Am nächsten Morgen dann, um 7 Uhr wecken. Ein Interview im Frühstücksfernsehen ist zu überstehen. Hernach schauen wir uns die Stadt an. Die Sonne scheint zwar, dennoch herrschen minus 25 Grad. Des öfteren unterbrechen wir unseren Bummel und wärmen uns in einer der spärlich vorhandenen Kneipen. Unerklärlich wie die vielen fliegenden Händler in den Straßen der Kälte trotzen. Auf Grund eiskalter Füße, steuere ich eine dieser Stände an und erstehe ein paar Filzeinlagen, welche ich auch sofort zum Einsatz bringe, ohne allerdings zu bedenken, daß auch Filz auf minus 25 Grad abzukühlen in der Lage ist. Nun, das nächste mal weiß ich Bescheid. Als wir am Spätnachmittag im Club eintreffen um die Anlage einzustellen, sind bereits 3 Fernseh-Teams vor Ort und löchern uns pausenlos. Glücklicherweise sind wir den Starrummel zwischenzeitlich gewohnt und geben uns betont läßig. Das Konzert läuft dann bestens und der DJ des Abends hält uns bis in die Morgenstunden auf Trab. Am nächsten Tag heißt es auch schon wieder Koffer packen und ab zum Bahnhof. 30 Stunden Fahrt bis Moskau sind zu bewältigen, was auch gelingt. Wir beziehen wieder ein Zimmer im Studentenwohnheim, nicht ohne zu vor den Fehler zu begehen, ein Taxi vom Bahnhof zum Quartier zu nehmen. Die Straßen zur Hauptverkehrszeit sind hoffnungslos überfüllt und wir sind für eine lächerlich kurze Strecke ¾ Stunden unterwegs.
Tags darauf trudeln wir gegen Abend im `Projekt OGI´ ein. Nicht leicht zu finden. Ein ziemlich unspektakulärer Eingang führt über eine Treppe ins Kellergeschoß. Eigentlich eher eine Kneipe denn ein Club aber mit fester Bühne. Der Laden ist voll – trotz etwa 5 € Eintritt, wobei in Moskau alles teuer ist wie in den anderen Landesteilen. Ditterich hat es an diesem Abend schwer, das quasselnde Publikum in seinen Bann zu ziehen – bei mir läuft es ganz gut, den Mann am Mischpult haben wir jedenfalls auf unserer Seite. Nach vollbrachtem Tagwerk lassen wir unseren letzten Abend in geselliger Runde im Club ausklingen.
Unser Rückflug nach Berlin ist auf Nachmittag festgelegt, so haben wir noch etwas Zeit einige Präsente zu erstehen. Ich halte zum erste Mal Rubel in Händen. Bisher wurde immer alles von anderen bezahlt. Essen, Trinken, Zigaretten, wir mußten immer nur Bescheid sagen was wir brauchen und schwuppdiewupp war’s da. Anton bringt uns noch zum Bus und wir erreichen den Flughafen etwas verfrüht. Innerhalb einer Stunde sind 4 Flüge in Richtung Westen angesetzt. Nach Wien, Mailand, Helsinki und Berlin. Jedem Flug ist ein extra Eingang zugeteilt. Kurz vor Abflug der ersten Maschine dieser vier sind immer noch alle Eingänge geschlossen. Ratlosigkeit macht sich breit. Dann eine schwer verständliche Durchsage und für alle 4 Flüge wird ein gemeinsames Tor geöffnet. Bei vielen Reisenden bricht Panik aus und alle wollen sie gleichzeitig durch die enge Sicherheitsschleuse.....
Im Vergleich zum genial organisierten Eisenbahnsystem liegt hier doch noch einiges im Argen.

Versäumen sie nicht `Im Osten geht die Sonne auf – Teil 2´ (Mit dem Akkordeon durch Sibirien) demnächst auf dieser Seite.

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