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Beispiele, die aufzeigen sollen, in welch unterschiedlicher Zusammensetzung Wodka kredenzt wird.
Pur: Wir sitzen in einem dieser Ladencafés. Es ist früher Nachmittag im tartarischen Kasan. Unvermittelt öffnet sich die Eingangstür und 3 junge Männer betreten den schlecht beheizten Raum. Zwei von ihnen postieren sich am einzigen noch freien Stehtisch, während der Dritte am Tresen eine Flasche Wodka nebst 3 Plastikbechern ersteht. Das Getränk wird gleichmäßig in die Gefäße verteilt, zunächst nicht vollständig, was kritische Bemerkungen der 2 Wartenden zur Folge hat und den Einschenkenden zur Vollendung seines Tuns veranlasst. Jetzt geht alles ganz schnell. Kurzes Zunicken, ein kräftiger Schluck, Zeit zu gehen. Und ein weiteres Mal, bringt sich beim Verlassen der 3, der zwischen Türrahmen und Steinboden eingeklemmte Kiesel durch lautes Kreischen in Erinnerung.
Mit Tomatensaft: Es ist Freitag Abend. Wir treffen uns im Magnum, der Bar in welcher ich am Sonntag auftreten werde. Während ich mir das Gehirn darüber zermartere was ich zu trinken bestellen soll, ordert Micha, einer der Betreiber des Ladens, bereits Wodka für alle. Als ich dann, um meinen Durst zu stillen, nach einem Bier schicken will, wird mir heftigst abgeraten und wärmstens ein Tomatensaft empfohlen. Nun gut.
Mit Bier: Party auf Stock 8 steht heut Abend auf dem Programm. Einige anwesende Seminarteilnehmer treffen sich zu einem kleinen Umtrunk. Wir erscheinen erst spät auf der Bildfläche. Das Bier ist alle, neues muss erst organisiert werden. Einer der Gastgeber und ich ziehen los zum nächsten Kiosk und kehren mit drei anderthalb Liter Plastikflaschen „Roter Osten“ (kasanischem Bier) und einer Pulle Wodka zurück. Die meisten sind allerdings schon recht müde, was zur Folge hat, dass vom frisch organisierten Stoff nur zögerlich Gebrauch gemacht wird. Plötzlich erscheint Viktor, der – wie sich schnell herausstellt - Freund der Etagenfrau (für jeweils ein Stockwerk des Hotels zuständige Dame. Ansprechpartnerin, Putzfrau, Zimmerschlüsselverwalterin und Geheimdienst in Personalunion). Er plaziert seine etwa 100 kg (alles Muskeln) auf dem Stuhl neben mir und fängt an einzuschenken....Bier. Schnell kommt wieder Stimmung auf und Luft ins Glas. Nächste Runde – Wodka, dann wieder Bier, dann wieder Wodka usw. Viktor erzählt viel und Nadja beschwert sich, ständig irgendwelchen Wahnsinn übersetzen zu müssen.

Kapitel 2:

Postsozialismus
Im Zuge meiner Forschungen der Sitten und Gebräuche verschlug es mich an einem sonnigen Wintertag in eine der unzähligen Unterführungen Moskaus. Gespickt mit unterschiedlichsten Läden, Artikel zum täglichen Gebrauch feilbietend und oftmals den Eingangsbereich zu den noch tiefer gelegenen Metrostationen bildend. Um es den Großstädtern gleichzutun und um meine Beobachtungen aus der anonymen Masse heraus führen zu können, kaufte ich mir eine Flasche gekühlten Bieres und postierte mich unauffällig am Rande des Geschehens. Nach kurzer Zeit bemerkte ich zwei ältere Frauen, welche sich in der Mitte der Passage aufhielten und ihre Blicke ständig im Raum kreisen ließen. Ebenso fiel mir auf, dass leere Bierflaschen nicht in den Mülleimer geworfen, sondern fein säuberlich unmittelbar daneben abgestellt wurden. Bald konnte ich einen Zusammenhang zwischen den Blicken der zwei Frauen und den sorgsam abgestellten Flaschen erkennen. Eine Art „Social Agreement“, die 2 bestritten ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln von Pfandflaschen. Um eine Erkenntnis reicher zog ich von dannen und nur wenige Tage später sollte diese mir von Nutzen sein. Wieder stand ich, diesmal neben dem Bahnhofsgebäude Kasans, mit Bier und Zigarette wartend in der Kälte, als ein alter Mann mich ansprach und zunächst auf meinen Glimmstengel deutete. Ich drehte ihm eine, als er auch schon die Pulle in meinen Händen durch eindeutige Gesten ins Gespräch mit einbezog. Sofort dachte ich Bescheid zu wissen. Er spekuliert aufs Pfand. Allerdings war’s Bier noch fast voll, aber ich wollt ihn natürlich nicht lange in der kalten Nacht stehen lassen, also trank ich, meinem Magen das Letzte abverlangend, in wenigen Zügen leer, um ihm dann die Flasche zu überlassen. Doch oh Graus, ich war einem Trugschluss erlegen. Er hatte wohl nicht bemerkt, dass oben erwähntes Gefäß bereits des Inhalts ledig war und setzte an zum finalen Schluck, um dann, hochgradig enttäuscht den verpasst zu haben, mich keines Blickes mehr würdigte. Gesenkten Hauptes zog ich mich ins Innere des Gebäudes zurück mein Fehlverhalten einer scharfen Selbstkritik zu unterziehen. Soll nicht wieder vorkommen.

 

Kapitel 3:

Moskvitsch 412
Spät nachts erreichten wir den Bahnhof Izhevsks. Der letzte Bus war längst abgefahren so blieben nur zwei Möglichkeiten: auf einer Bank im Bahnhofsgebäude für einige Stunden dahin zu dösen oder im Taxi nach Hause fahren. Die Strecke zu Fuß zurückzulegen wurde Aufgrund der Entfernung, unseres Gepäcks und der klirrenden Kälte nicht in Erwägung gezogen. Vor dem Haupteingang tummelten sich einige Taxifahrer neben ihren Fahrzeugen, sich auf jeden, das Gebäude verlassenden stürzend. Nadja ignorierte deren Ansinnen und pfeilte in Richtung Hauptstrasse. Ich tat es ihr nach, nicht ohne ein klärendes Wort von ihr zu fordern. Wie, jetzt doch alles zu Fuß? Mitnichten, nur ist es so, dass die offiziellen Taxis in Händen mafiöser Geschäftemacher liegen und die Fahrer deshalb auf fiese Praktiken bei der Errechnung des Fahrpreises zurückzugreifen gezwungen sind. Der Ausweg besteht aus einem simplen Trick. Man stellt sich an den Rand der nächstgelegenen Strasse, hebt die Hand und innerhalb kurzer Zeit hält eines der unzähligen illegalen Taxis. In unserem Fall ein alter Moskvitsch 412. Der Fahrer, ein stämmiger Mittfünfziger, trägt einen alten Kampfanzug der Sowjetarmee, schweres Schuhwerk und einen Bauch mittlerer Größe. Als wir uns mit seinem Preis für die Wegstrecke einverstanden erklären, schenkt er uns ein Lächeln. In der Windschutzscheibe, in etwa auf Kopfhöhe des Fahrers, befindet sich ein Loch von der Größe einer Pistolenkugel. Klar, er wurde von der mafiösen, offiziellen Konkurrenz beschossen, denk ich mir, ohne auch nur den geringsten Anhaltspunkt für meine These nennen zu können. Sei’s drum, sämtliche rote Ampeln ignorierend, bringt er uns sicher nach Hause. Auf meine Frage hin, was die Worte auf dem Aufkleber in der Mittelkonsole bedeuten, erklärt mir Nadja: Glück und Erfolg. Wünsche auch ich ihm und husche ins Haus.

 

Kapitel 4:

Ausländer
Müde von einem Streifzug durch die Stadt, erreichen wir das Bahnhofsgebäude für Fernzüge und lenken unsere Schritte in Richtung Wartesaal. Ein Wachmann stellt sich uns in den Weg und verlangt lautstark unsere Fahrscheine zu sehen. Ich verstehe natürlich kein Wort und mein fragender Blick scheint auf den Uniformierten wie eine Provokation zu wirken, was zur Folge hat, dass er sein Ansinnen zu brüllen beginnt. Nadja unterbricht ihn und erklärt, ein Anheben der Lautstärke brächte nichts, da es sich bei mir um einen der russischen Sprache nicht mächtigen Ausländer handle. Drauf hin er: Ahh, ich kenne diese Ausländer, wenn sie wollen, verstehen sie alles. Stimmt. Und volle Phonzahl ist das A & O.

Ankunft
Wer hätte das gedacht – 6 Wochen nach meiner ersten Tour durch Russlands Weiten schon wieder auf dem Moskauer Flughafen. Diesmal musste ich mich allerdings allein durchschlagen, zumindest bis zum vereinbarten Treffpunkt an der Metrohaltestelle: Wodnyj Stadion. Dank meiner hervorragenden Kenntnisse der russischen Sprache kein Problem. Ich postierte mich einfach in der Nähe der Sammeltaxis und wiederholte so lange den Namen meines Ziels, bis einer der Fahrer verstand und mich in einen der Kleinbusse schob.

Wodnyj Stadion
Nach etwa einer halben Stunde stoppte das Fahrzeug am Rande einer großen Straße. Der Fahrer murmelte etwas mir unverständliches, worauf die Blicke der Mitreisenden sich auf mich richteten. Aufgrund meines fragenden Gesichtsausdrucks wiederholte der Chauffeur noch einmal seine Worte, diesmal deutlicher und ich verstand, verließ das leidlich warme Fahrzeug und fand mich, mit Tasche und Akkordeon in der Hand, im Schneematsch stehend wieder. Weit und breit war keine Metrostation in Sicht. Hinter mir ein kleines Wäldchen, vor mir Plattenbauten und Läden. Die Entscheidung, welche Richtung ich einzuschlagen hatte, war schnell getroffen. Jedoch, um mit Sack und Pack nicht unnötige Wege zurückzulegen, beschloss ich mich bei einer kleinen, mir entgegenkommenden Gruppe Eingeborener, zu vergewissern. „Wodnyj Stadion?“, frug ich in akzentfreiem russisch. Dank meiner internationalen Erfahrung war ich in der Lage, die mir gemachten Zeichen zu deuten und folgte der Richtung des ausgestreckten Armes meines Gesprächpartners.

Bar „Darina“
Eineinhalb Stunden zu früh erreichte ich mein Ziel. Die Zeit in der Kälte wartend zu verbringen, kam nicht in die Tüte, folglich betrat ich die nächst beste Kneipe. Ein kleiner Tresen, sechs Tische und ein Poolbillard füllten den Raum. Ich nahm auf einem Barhocker am Tresen Platz und bestellte, unter Zuhilfenahme meines Zeigefingers, ein Bier. Für frühen Nachmittag war ganz schön was los. Trotz Umhüllung war mein Akkordeon als solches erkenntlich und Anlass für erste Fragen der Anwesenden an mich. Dank eines, der englischen Sprache mächtigen Gastes konnten diese beantwortet werden und nach kurzer Zeit stand ich dann am Billardtisch, ein Queue in Händen haltend.

Nadja
Kurz vor halb 5 – es war soweit. Nadja, wir hatten uns beim Festival in Izhevsk kennen gelernt, wollte mich in wenigen Minuten am vereinbarten Treffpunkt abholen. Sie war für ein Seminar nach Moskau gekommen und so nahm ich die Gelegenheit wahr, sie auf halbem Wege zwischen Berlin und Izhevsk zu treffen. Das Hotel, in welchem sie wohnte, war fünf Gehminuten entfernt und diverse Komplikationen, meinen dortigen Aufenthalt betreffend, bereits von Nadja aus dem Weg geräumt. Normalerweise hätte ich als Ausländer 40 $ pro Nacht berappen müssen. Die freundliche Dame an der Rezeption ließ sich jedoch überzeugen, dass ich Russe bin, was den Preis pro Übernachtung erheblich reduzierte.

Moskau
Aufgrund dessen, dass Nadja täglich das Seminar besuchen musste, war ich die meiste Zeit auf mich allein gestellt. Mein erster Weg führte mich in der Regel ins ’Darina’ auf einen Kaffee, um dann mit der Metro ins Zentrum zu rauschen. Verschiedene Aufgaben warteten auf mich: Ausfindig machen eines Internetcafés, was mir übrigens gelang. Ein 24 Stunden geöffnetes Café in einem Keller im ’Arbat’, dem Künstlerviertel Moskaus, um die Ecke von Skrijabins ehemaliger Wohnung. Kauf von Postkarten – gar nicht so einfach. Die ersten, die ich in einem Postamt im ’Arbat’ sah, waren nicht zu bekommen. Die Postangestellte war nämlich nicht dazu zu bewegen, die wartende Kundschaft zu bedienen. So musste ich unverrichteter Dinge weiterziehen. Die erste schwere Niederlage auf einem russischen Postamt.

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